Die Studie
Hintergrund & Design
Warum der Wille allein nicht reicht
Die meisten Menschen, die eine Suchtbehandlung beginnen, wollen etwas ändern. Sie wissen, warum sie konsumfrei leben wollen, und meinen es ernst. Trotzdem kommt es häufig zum Rückfall oder zum Abbruch der Behandlung. Woran liegt das?
Entscheidend ist, ob jemand seinen Vorsatz auch dann halten kann, wenn es schwierig wird: bei Stress, Frust oder Enttäuschung. In diesen Momenten gerät die Selbststeuerung ins Wanken, und der alte Bewältigungsweg über den Konsum liegt nahe. Etablierte Behandlungen stärken vor allem Einsicht und Motivation; den Schritt von der Absicht zum tatsächlichen Handeln unter Belastung trainieren sie selten gezielt. Hier setzt das Persönlichkeitsorientierte Selbststeuerungstraining an. Die Abkürzung PSRT geht auf die englische Bezeichnung zurück (personality-oriented self-regulation training).
Die Fähigkeit zur Selbststeuerung ist nicht an eine bestimmte Substanz gebunden. Deshalb setzt das PSRT nicht beim Konsum selbst an, sondern an dem, was den Ausstieg im Alltag so schwer macht. In der ersten Studie wird es bei Menschen mit Cannabis als Hauptdiagnose erprobt; der Ansatz ist aber substanzübergreifend gedacht.
Zum Training
Aus diesen Grundlagen ist ein strukturiertes Gruppenprogramm entstanden, das die reguläre Rehabilitation ergänzt. Über elf Wochen baut es Schritt für Schritt die Fähigkeit auf, eigene Ziele auch in schwierigen Situationen umzusetzen.
Zur InterventionSelbststeuerung als Schlüsselmechanismus
Warum stellt das PSRT gerade die Selbststeuerung ins Zentrum? Weil die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte sie als einen Schlüssel dafür erkennt, ob eine Suchtbehandlung gelingt. Vier Befunde sind dabei besonders aussagekräftig.
Selbststeuerung geht dem Konsum oft voraus
Eine Langzeitstudie, die rund 1.000 Kinder bis ins Erwachsenenalter begleitete, fand einen klaren Zusammenhang: Wer früh eine geringere Selbstkontrolle zeigte, hatte später ein höheres Risiko für eine Suchterkrankung, unabhängig von Intelligenz und sozialer Herkunft. Der Zusammenhang war abgestuft und nicht an eine feste Schwelle gebunden. Schon kleine Unterschiede verschoben das Risiko. Das ist eine ermutigende Nachricht: Auch moderate Verbesserungen können viel bewirken.
Die Defizite sind messbar und folgenreich
Menschen mit einer Suchterkrankung schneiden über alle Bereiche der Selbststeuerung hinweg niedriger ab als Vergleichsgruppen, besonders deutlich bei der Regulation von Gefühlen.
30 bis 80 Prozent der Betroffenen haben ausgeprägte Schwierigkeiten, Aufmerksamkeit, Impulse und Gefühle zu steuern. Diese Schwierigkeiten sagen Behandlungsabbrüche und Rückfälle voraus.
Damit sind gerade die Menschen, die am meisten von einer Stärkung der Selbststeuerung profitieren würden, zugleich jene, bei denen übliche Behandlungen am wenigsten greifen. Ein gutes Training muss deshalb auch bei ausgeprägten Schwierigkeiten tragen.
Ein substanzübergreifendes Muster
Diese Muster sind nicht auf eine einzelne Droge beschränkt. Genetische und bildgebende Studien deuten auf eine gemeinsame Grundlage hin. Eine Analyse von rund 1,5 Millionen Menschen fand einen gemeinsamen Faktor hinter so unterschiedlichen Verhaltensweisen wie problematischem Alkohol- und Cannabiskonsum, dem Beginn des Rauchens und erhöhter Risikobereitschaft. Beteiligt sind vor allem Hirnregionen für Planung, Impulskontrolle und die Bewertung von Gefühlen. Weil die zugrunde liegende Vulnerabilität über Substanzen hinweg dieselbe ist, ist das PSRT als substanzübergreifender Ansatz konzipiert und soll perspektivisch auch substanzübergreifend evaluiert werden.
Veränderbar, und in einer sinnvollen Reihenfolge
Am wichtigsten für das Training: Diese Vulnerabilität ist keine feste Größe. Selbst genetisch mitbedingte Unterschiede lassen sich durch die Umwelt verschieben, psychologische Interventionen können also etwas bewegen. Eine gut ausgebildete Selbststeuerung kann sogar Risiken abpuffern, die aus der Familiengeschichte stammen. Entscheidend ist die Reihenfolge: Konkrete Strategien gegen den Rückfall wirken erst, wenn die grundlegende Selbststeuerung trägt. Deshalb stärkt das PSRT zuerst die allgemeine Selbststeuerung und baut darauf die Alltagsstrategien auf.
Quellen (Auswahl)
- Moffitt et al. (2011): Dunedin-Längsschnittstudie – Selbstkontrolle in der Kindheit und späteres Suchtrisiko
- Bakhshani & Hosseinbor (2013): Selbstregulation bei substanzabhängigen und nicht-abhängigen Personen
- Stellern et al. (2023): Meta-Analyse zu Emotionsregulationsdefiziten bei Substanzstörungen
- Verdejo-Garcia et al. (2017): systematisches Review zu exekutiven Defiziten, Therapieadhärenz und Rückfall
- Karlsson Linnér et al. (2021): genomweite Analyse (rund 1,5 Mio. Menschen) zu Selbstregulation und Sucht
- Murray et al. (2015): Hirndurchblutung bei Polysubstanzkonsum und Selbstregulation
- Quinn & Fromme (2010); Pearson et al. (2011): Schutz- und Pufferfunktion der Selbstregulation
- Tanksley et al. (2025): Modifizierbarkeit genetisch mitbedingter Selbststeuerungsdefizite (Within-Family-Design)
- D'Lima et al. (2012): globale Selbstregulation als Grundlage konkreter Schutzstrategien
Worauf das Training aufbaut
Das PSRT verbindet drei gut belegte psychologische Ansätze. Jeder beantwortet eine andere Frage nachhaltiger Veränderung, und erst zusammen ergeben sie ein vollständiges Bild.
Warum verändern?
Veränderung gelingt dann dauerhaft, wenn sie als selbstgewollt erlebt wird und nicht als Druck von außen. Das gilt besonders, wenn drei Grundbedürfnisse erfüllt sind: eigene Entscheidungen zu treffen, sich als wirksam zu erleben und sich verbunden zu fühlen. Konsum lässt sich auch als Versuch verstehen, unerfüllte Bedürfnisse kurzfristig auszugleichen.
Wofür verändern?
Ein konsumfreies Leben muss sich lohnen. Im Mittelpunkt steht nicht nur, ein Verhalten wegzulassen, sondern ein Leben aufzubauen, das zu den eigenen Werten und Zielen passt und als sinnvoll erlebt wird. Solche persönlich bedeutsamen Ziele geben im Alltag Halt.
Wie unter Belastung handeln?
Gute Vorsätze scheitern oft im Stress. Manche Menschen bleiben unter Druck handlungsfähig, andere verlieren sich in Grübeln oder Rückzug. Diese Unterschiede sind messbar und lassen sich beeinflussen. Das Training hilft, auch in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben und an den eigenen Zielen festzuhalten.
Integration in das PSRT
Studiendesign
01 Studientyp
Multizentrische, interventionelle, randomisierte, kontrollierte Studie mit zwei parallelen Behandlungsarmen
Studientyp
Multizentrische, interventionelle, randomisierte, kontrollierte Studie mit zwei parallelen Behandlungsarmen
Randomisiert wird auf zwei Behandlungsarme: PSRT zusätzlich zur regulären Behandlung (Treatment as usual, TAU) gegenüber TAU allein. Vor der Randomisierung erfolgt eine Stratifizierung nach der dispositionellen Handlungs- bzw. Zustandsorientierung (erhoben mit der Handlungskontrollskala ACS-90). Die Erhebung folgt einem Prä-Post-Design mit drei Messzeitpunkten: T0 zur Stratifizierung, T1 zu Interventionsbeginn und T2 unmittelbar nach der Intervention.
02 Population
Stationäre Rehabilitanden (18–67 Jahre) mit Cannabis als Hauptdiagnose (ICD-10 F12.2)
Population
Stationäre Rehabilitanden (18–67 Jahre) mit Cannabis als Hauptdiagnose (ICD-10 F12.2)
Rekrutiert wird an zwei spezialisierten stationären Rehabilitationseinrichtungen in Deutschland, die nach vorab festgelegten Kriterien für vergleichbare therapeutische Bedingungen ausgewählt wurden. Angestrebt wird eine Stichprobe von rund 170 Teilnehmenden. In der ersten Studie ist Cannabis die Hauptdiagnose (ICD-10 F12.2); der Ansatz selbst ist substanzübergreifend angelegt.
03 Primärer Endpunkt
Primärer Endpunkt: Affektiv-volitionale Selbststeuerungskompetenzen (VCQ-S)
Primärer Endpunkt
Primärer Endpunkt: Affektiv-volitionale Selbststeuerungskompetenzen (VCQ-S)
Erhoben wird der primäre Endpunkt mit dem Fragebogen zu volitionalen Komponenten in der Kurzform (VCQ-S; deutsche Version: Selbststeuerungsinventar – Kurzform, SSI-K), der in der Tradition der PSI-Theorie steht. Seine vier Subdimensionen (darunter Selbstregulation, Selbstkontrolle, Willensinitiierung und Zugang zum Selbst) werden als gleich gewichtete, eigenständige Endpunkte behandelt und nicht zu einem Gesamtwert zusammengefasst, weil sie funktional unterschiedliche Prozesse abbilden.
04 Sekundärer Endpunkt
Sekundärer Endpunkt: Facetten impulsiven Verhaltens (I-8)
Sekundärer Endpunkt
Sekundärer Endpunkt: Facetten impulsiven Verhaltens (I-8)
Die sekundären Endpunkte betreffen ausgewählte Facetten impulsiven Verhaltens, erhoben mit der Kurzskala impulsiven Verhaltens (I-8). Sie werden mit analogen statistischen Modellen explorativ analysiert und entsprechend vorsichtig interpretiert.
05 Analyse
ITT-Analyse mittels linearer gemischter Modelle (MMRM)
Analyse
ITT-Analyse mittels linearer gemischter Modelle (MMRM)
Ausgewertet wird nach dem Intention-to-treat-Prinzip mit linearen gemischten Modellen für wiederholte Messungen (MMRM); Interventionseffekte werden über den Interaktionsterm Gruppe × Zeit geprüft. Für die vier gleich gewichteten primären Endpunkte wird die Falschentdeckungsrate kontrolliert. Ergänzend prüfen Moderatoranalysen, ob handlungs- versus zustandsorientierte Teilnehmende unterschiedlich von der Intervention profitieren; Sensitivitätsanalysen mit multipler Imputation testen die Robustheit gegenüber fehlenden Werten.
Projektzeitstrahl
Ethikvotum
Genehmigung durch Ethikkommission MLU Halle-Wittenberg (Nr. 2024-212)
Rekrutierungsstart
Beginn der Teilnehmerrekrutierung an beiden Studienzentren
Studienregistrierung
Registrierung im DRKS (DRKS00037137)
Protokollversion 1.0
Finalisierung des Studienprotokolls
Protokollpublikation
Studienprotokoll bei der Fachzeitschrift Trials (Springer Nature) eingereicht; Begutachtung läuft
Rekrutierungsende
Geplanter Abschluss der Teilnehmerrekrutierung
Ergebnisse
Datenanalyse und Publikation der Studienergebnisse